Remscheid 2011 – Hör gut zu

Pfingstmontag, 10 Uhr morgens an der Akkordeon-Schule. Gillis Golf entpuppte sich zum wahren Raumwunder: Gepäck von drei Frauen für eine Woche, zwei Akkordeons, eine Basso, Kabel und zuletzt Annika, Gilli und Inga, die die 500 km weite Reise nach Remscheid antraten, um dort in der Akademie Remscheid am 37. Fortbildungslehrgang für Akkordeonisten teilzunehmen, der dort jährlich vom DHV NRW ausgetragen wird.

Was uns dort erwarten sollte, wussten wir nicht wirklich, entsprechend groß war die Aufregung.

Nach fünfstündiger Fahrt waren wir da: mitten auf einem Berg, in einem Waldgebiet, in dem es außer dem Gasthof „Küppelsteiner Hof“ und der großen Akademie so gar nichts gibt. Unsere Aufregung nahm langsam weiter Fahrt auf. Der erste Abend gestaltete sich noch ziemlich ruhig, es war erst der Anreisetag, man sah etliche unbekannte Gesichter, während wir im Küppelsteiner Hof zu Abend aßen und hörte schon Namen, die einem bisher nur als Phantome bekannt waren, wie „Hans-Günther Kölz“, „Ralf Schwarzien“ und „Thomas Bauer“. Klar, wir spielen Noten von den Herren, aber eine Ahnung von den Personen dahinter fehlte komplett. Nun sollten wir sie kennenlernen.

Dienstag sollte es so weit sein. Morgens nach dem Frühstück wurden wir im großen Saal begrüßt und es stellte sich heraus, dass wir uns eine Woche lang mit ca. 120 Akkordeon-Begeisterten in den Räumen der Akademie tummeln sollten. Durch die Luft schwirrten die merkwürdigsten Dialekte, ein „hallo“ hier, ein “Grüß dich“ dort – man kennt sich in Remscheid. Auffällig war auch die gruppendynamische Kleidung. Zusammengehörige Spieler waren sofort anhand der Orchester-T-Shirts zu erkennen, wir Eckernförder bestachen durch Neutralität, wodurch wir ebenfalls zu einer Gruppe wurden. Uns kannte man auch schon, während wir noch versuchten einen generellen Überblick zu behalten.

Inzwischen war unser Kreis um Hans-Jürgen, die Strufes, Finn Niclas, Peer Julius und Steffen gewachsen. Nach allgemeinen Informationen begannen unsere Lehrgänge. Während Hans-Jürgen und Gilli sich todesmutig in den Lehrgang „Gehobenes Orchester-Spiel“ unter der Leitung des genialen Thomas Bauer begaben, blieben Annika und ich im großen Saal, um unter der Leitung von Ralf Schwarzien in dem Lehrgang „Kenn ich, kenn ich nicht“ verschiedenste Orchesterliteratur auszuprobieren.

Das Motto sollte sich für uns schließlich in „Kenn ich, kenn ich auch, kann ich schon, huch das ist neu“ wandeln, denn schnell merkten wir, dass wir im Orchester eine ganze Menge von Ralf spielen, was natürlich auch daran liegt, dass der Nordmusik-Verlag mit ihm zusammen arbeitet.

Ab Dienstag begann die Zeit zu rasen. Wochentage wurden egal, alles außerhalb der Akademie wurde unwichtig, Handyempfang gab es für die meisten Netze kaum bis gar nicht und nicht zuletzt hatte man auch keine Zeit sich um irgendetwas anderes als um Musik zu kümmern.

Nach dem Frühstück ging es für einige bereits um 8:45 h mit der Mundharmonika los, die Sabine Kölz den Teilnehmern näher brachte. So quakte zu dieser frühen Stunde bereits „Der Mond ist aufgegangen“ oder „O Susanna“ durch die Akademie. Ersteres Stück sollte übrigens Annikas absoluter Favorit und persönlicher Sommerhit werden.

Um 9:15 Uhr begannen die übrigen Lehrgänge. Stundenlang übten wir verschiedenste Orchesterliteratur in einem Orchester, dessen Größe man sich sonst nur erträumt. 12 dritte Stimmen und drei Bässe lassen wohl ein ungefähres Bild vermitteln. Unsere erste Stimme wurde merkwürdigerweise jeden Tag kleiner, am Ende saßen dort noch fünf Spieler von anfänglich etwa acht oder neun. Ralf entpuppte sich als überaus lustiger, singfreudiger und redseliger Zeitgenosse mit strikten Ansichten. Zum Besten gab er, wie wenig Verständnis er für Vorzeichenfehler hat, da es nichts Einfacheres gäbe als Musiktheorie. Sein Jugend-Orchester würde sich freiwillig mit dem Thema beschäftigen und könne sich jeden Akkord richtig ableiten. Nachdem er jedoch zugab, dass er bei besagten Vorzeichenfehlern zum Elch mutieren würde und Äußerungen preisgab, die hier besser unerwähnt bleiben, glaubten wir ihm die „Freiwilligkeit“ nun nicht mehr so ganz.

Bemerkenswert war auch Ralfs Konsequenz, mit der er unseren Detlef, der als Aushilfsschlagzeuger ganz schön zu tun hatte, als „Friedel“ ansprach. Da half auch das mit dem richtigen Namen bedruckte T-Shirt nicht viel.

Das Motto unseres Kurses wurde bald der erste Titel aus dem PUR-Medley, das wir ebenfalls einstudierten: „Hör gut zu“ – denn die häufigen „Fehlgriffe“ auf der Tastatur brachten unseren Dirigenten regelmäßig zur Verzweiflung. Das nicht vorhandene cis oder das vergessene dis wurden zu Klassikern. Und wenn wir gerade mitten im Proben waren, da gab es die nächste „Fütterung“, die Mahlzeiten mussten zu bestimmten Zeiten eingenommen werden, damit die Küche unsere große Gruppe ohne großes Gedränge versorgen konnte. Unser Lehrgang war immer der erste, und so wurde ein typischer Spruch bald: „und dann müssen wir schon wieder essen“. Auch wenn wir das nicht ungern taten.

Bei Thomas Bauer wurde das Motto für Gilli und Hans-Jürgen bald „So viele Fehler wie nötig“ und das Hauptziel, nicht zu stören. Die Konzentration in dem kleinen Raum merkte man bereits als Zuschauer. Wurde eine bestimmte Passage mit einer einzelnen Stimme geübt, so musste auch das restliche Orchester die Finger bereit halten, denn anschließend kam von Thomas Bauer nur der Satz: „Und jetzt alle Takt 44 und los“ ohne weiteres Vorzählen oder Rücksicht. Als prominenter Solist saß Gershwin persönlich plötzlich am Klavier und spielte das Konzert in F, 2. Satz. Eigentlich war es Hans-Günther Kölz, aber sein Rufname wurde dadurch Hans-Günther Gershwin, der übrigens einen Flügel der Akademie auf dem Gewissen hat.

Auch abends blieb keine Zeit zum Ausruhen. Nach dem Abendessen gab es täglich in einem „Workshop“ einen Konzertbeitrag, der sich jedes Mal extrem vom Abend zuvor unterschied. Highlights waren hier das Konzert des Ersten Kölner Akkordeon-Orchesters unter Matthias Hennecke, die Jazz-Session von Hans-Günther Kölz mit dem Saxophonisten Matthias Anton sowie am Abschlussabend Ralf Schwarzien mit seinem Orchester „Accollage“. Wer dachte, dass wir die Nordland-Suite schnell spielen würden, der sollte sich mal das halsbrecherische Tempo dieser Truppe anhören! „Accollage“ trug auch maßgeblich dazu bei, dass der letzte Abend eine rauschende Feier mit viel Tanz und Gesang wurde. Am Ende konnte auch jeder zu „PataPata“ tanzen, nachdem Ralf uns die kurze Schrittfolge im Lehrgang zunächst falsch beigebracht hatte.

Nach einer weiteren sehr kurzen Nacht stand am Samstagvormittag die Abschlusspräsentation der Lehrgänge im großen Saal auf dem Programm. Thomas Bauer beeindruckte mit seinen Spielern und dem fantastischen Gershwin am Klavier mit Stücken, die ein gewöhnliches Orchester wohl kaum einzustudieren schafft. Entsprechend groß war die Bewunderung der Zuhörer. Anschließend gab es von einem Ensemble unter der Leitung von Helmut Quakernack einige, auch für unser Orchester interessante, Stücke aus dem Bereich “Let’s Jazz & Rock“, wie beispielsweise „At The Hop“ von A. Singer oder unsere wohlbekannte „New Orleans Suite“. Abschließend waren wir mit Ralf Schwarzien an der Reihe und zeigten unter anderem mit „Tango Ultimo“ (Thomas Ott) und „PUR in Concert“ Ausschnitte aus dem Gelernten.

Dass danach plötzlich alles schon vorbei war, erschien uns allen unglaublich. Schon saßen wir wieder im vollgepackten und mit V-Power getankten Auto auf dem Weg an die Ostsee. Die vielen Eindrücke, die zahlreichen Stunden mit dem Instrument und die allgegenwärtige Musik in einer akkordeonbegeisterten Gruppe hat diese Woche zu etwas ganz Besonderem gemacht. Wir freuen uns auf nächstes Jahr!

 

Inga Effenberger